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Manfred Kolb
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Prosa,, Glossenhaftes und Satirisches

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 Ein Nachruf auf die Schriftstellerin Anke Cibach

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Seine letzte Kaffeefahrt                            bearbeitet von Manfred Kolb

 

           

 

„Endlich habe ich auch mal was gewonnen“, sagte die 78-jährige Käthe zu ihren drei gleichaltrigen Freundinnen bei ihrem Kaffeekränzchen. „Hört mal, was man mir geschrieben hat“:

 

„Sehr geehrte Dame,

 

das Reiseunternehmen „Fahrt ins Blaue“ lädt Sie zu einer kostenlosen Ausflugsfahrt ein. Und: herzlichen Glückwunsch! Sie sind vom Zufallsgenerator ausgewählt worden! Ihnen gehören unsere Garantiesumme von 5.000 Euro, eine Spülmaschine, eine Merino-Schafwolldecke und weitere tolle Überraschungen!

 

 

Die Freundinnen staunten, als Käthe weiter vorlas:

 

„Die Übergabe der Preise erfolgt nur am kommenden Montag während einer malerischen Bustour zur FLORA-FARM in der Nähe von Güstrow. Bringen Sie unbedingt Ihre Freunde und Freundinnen mit. Es gibt für alle eine Verlosung, jeder Reiseteilnehmer ist herzlich zu einem deftigen Eintopf in einem schmucken Landgasthof und später zu einer köstlichen Kaffeetafel eingeladen!“

 

Wir sind natürlich alle dabei, sagten Erna, Rosa und Anna zu Käthe.

 

 

Pünktlich am Montagmorgen bestieg das unternehmungslustige Quartett den Reisebus.

 

„Herzlich willkommen meine Herren- und Frauenschaften (natürlich ein Scherz!), meldete sich der Reiseleiter Paul Ehrlich über das Mikrofon. „Sie dürfen Onkel Paul zu mir sagen. Neben mir steht meine bezaubernde Assistentin Nicole, die Sie während unserer Fahrt liebevoll betreuen wird. Wir fahren zunächst noch acht Zusteigestationen an, dann gibt es die erste Toilettenpause. Und jetzt bekommen alle erst einmal einen Kaffee.“

 

 

„Wann bekommen wir die Preise?“, fragte Käthe die Assistentin Nicole, der vor Schreck beinahe das Tablett mit den Kaffeebechern aus der Hand fiel.

 

„Haben Sie das gehört?“, wandte sich Nicole an die Reiseteilnehmer, „noch nicht mal den Kaffee bezahlt, und schon die Preise absahnen wollen!“

 

Käthe zahlte eingeschüchtert die verlangten 4,50 € für den lauwarmen Pulverkaffee im Pappbecher.

 

„Ich dachte, der wäre umsonst“, flüsterte Rosa.

 

„Ich habe genau gehört, was Sie dahinten eben gesagt haben“, sprach Onkel Paul in das Mikrofon. „Umsonst ist nicht mal der Tod. Deshalb lasse ich jetzt mal ein besonders günstiges Angebot für eine Sterbegeldversicherung rumgehen.

 

Unser heutiges Spitzenangebot sind übrigens Rheumadecken zum sagenhaft günstigen Angebot von nur 600 €. Natürlich mit Ratenzahlung. Wir haben nämlich ein großes Herz für kleine Renten.Aber das ist noch nicht alles: exklusive Wäsche aus Seide für die Damen, zum Discountpreis extra für Sie eingekauft. Und für den Mann, wenn der kleine Mann nicht mehr so richtig will, ein besonderes Stärkungsmittel in diskreter Verpackung!“

 

 

Der inzwischen voll besetzte Bus nahm Fahrt auf und bog von der Landstraße ab, um am Schild FLORA-FARM vorbei zu fahren. Stattdessen hielt der Fahrer an einer in die Jahre gekommenen Scheune mitten im Wald an.

 

„Was wollen wir denn hier?, das ist doch nicht die FLORA-FARM“, entfuhr es Erna.

 

„Zur FLORA-FARM kommen wir später“, erhielt sie zur Antwort.

 

„Fertig machen zum Eintopf fassen“, zwitscherte die Assistentin Nicole und achtete darauf, dass auch wirklich jeder den Bus verließ und in der zugigen Tenne Platz nahm.

 

“Jetzt hören Sie erst einmal einen Vortrag von Onkel Paul zu Produkten, die speziell für die bessere, natürlich die zweite Lebenshälfte entworfen wurden und die sie bei uns erwerben können.“

 

„Nicht mit mir!“ Anna ging entschlossen zum Eingang. „Wer kommt mit zu einem kleinen Spaziergang?“

 

Da ertönte die Stimme von Onkel Paul:

 

„die Tagestour ist nur als Komplettpaket so günstig. Wer das Programm eigenmächtig unterbricht, zahlt den vollen Fahrpreis von 90 €. Rechnung per Einschreiben. Aber bitte: ich halte Sie nicht fest. Zum Bahnhof sind es nur zwei Stunden Fußmarsch!“

 

 

„Statt Landgasthof eine ungeheizte Scheune mit Plumpsklo“, murrte Käthe, als sie an ihren Platz am Tisch zurückgekehrt war. Verzweifelt betrachtete sie den deftigen Eintopf, der sich als heiß gemachte Vierzig-Cent-Konserve „Weiße Bohnen in Bechamelsauce“ heraus stellte.

 

Nach dem ermüdenden Vortrag über Sprudelbäder und elektronisch gesteuerte Fernsehsessel – „nur 50 Euro pro Monat – in 5 Jahren gehört er Ihnen“ -, durfte man wieder in den Bus einsteigen. Vorausgesetzt man hatte eine Unterschrift unter die Bestellung eines der vorgestellten Artikel gesetzt und schnell noch ein Los für zwei Euro mit der Zusage erworben: garantiert keine Nieten.

 

Rosa starrte wie betäubt auf den Kaufvertrag über einen antimagnetischen Matratzenschoner, während Erna hilflos das Sonderangebot des Tages, die Fitness-Kassette „wie werde ich 100“ in den Händen drehte.

 

„So, meine Damen und Herren. Jetzt wird’s feierlich. Wer von Ihnen hat einen Gewinnanspruch? Gedrängelt wird nicht, also bitte einzeln nach vorne kommen!“

 

Käthe war die erste.

 

„Glückwunsch, Sie sind eine von fünftausend Gewinnern der ausgelobten Gesamtsumme von 5.000 Euro. Das macht einen Anteil von insgesamt 1 Euro. Vorausgesetzt Sie geben mir neunundneunzig Euro Wechselgeld passend zurück, denn ich habe nur Hundert-Euro-Scheine!“

 

 

Was für ein mieser Trick. Käthe war den Tränen nahe. Aber noch gab sie nicht auf.

 

„Und was ist mit der Spülmaschine? Hier, das habe ich schriftlich. Da steht nichts, dass ich die teilen muss!“

 

„Aber selbstverständlich, meine liebe Dame, erhalten Sie Ihr Spülgerät wie versprochen, ganz für Sie allein. Bitte sehr: ein Polyester-Spültuch, viel Spaß damit. Applaus für unsere Gewinnerin!“

 

Bei der folgenden Verlosung gewann Rosa einen der Hauptpreise, eine echte Merino-Schafwollecke.

 

 

„Was, Sie stören sich an der Kopfkissengröße?“ Den Rest müssen Sie schon selber stricken, das fünfzig-Gramm-Knäuel Merino-Wolle für schlappe 12 Euro! Mit zwanzig Knäuel kommen Sie hin!“ Onkel Paul und seine Assistentin lachten beide herzhaft über ihren gelungenen Coup.

 

„So, meine Lieben, wir nähern uns jetzt der FLORA-FARM“, verkündete Nicole.

 

„Pech für Sie, dass die versprochene Kaffeetafel leider ausfallen muss, weil einige von Ihnen beim Bestellen und Bezahlen so getrödelt haben“. Dabei ging ein vorwurfsvoller Blick zu den vier Freundinnen hinüber. Also bleiben Ihnen nur zwanzig Minuten für die Besichtigung der FLORA-FARM und des wunderschönen Geländes.“

 

 

Käthe war enttäuscht. Sie hatte sich so sehr auf die Farm gefreut, wo sie mit ihrem Mann Egon bis zu seinem Tod vor zwei Jahren aus und ein gegangen war. Das herrliche Hochmoor, das mit Feuer- und Schwertlilien bewachsene Sumpfgelände mit dem prächtigen Vogelbestand! Und dafür nur 20 Minuten?

 

„Wir haben uns richtig abzocken lassen“, stöhnte Erna, und blickte ihre drei Freundinnen an. Ich hätte nicht Übel Lust, das dem Unternehmen heim zu zahlen!

 

„Sie haben einen Goldschatz aus der Erde gewonnen, eine Tüte Kartoffeln – der Preis wird Ihnen gegen eine Versandgebühr von 8 Euro zugesandt“, äffte Rosa die Stimme der Assistentin Nicole nach.

 

„Ich halte das Reiseunternehmen für ein Betrugsgeschäft. Das machen die täglich mit älteren Menschen“, warf Anna ein.

 

 

„Aber nicht mehr lange“, trumpfte Käthe auf. Ich habe da eine Idee.

 

Sie ging auf Onkel Paul zu. „Ich halte Sie und Ihr Unternehmen für Betrüger, die alte Leute ausbeuten, erklärte sie mit fester Stimme. Ich werde Sie anzeigen!“

 

„Moment mal, sie alte Schachtel“, entgegnete Onkel Paul. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wir werden Sie verklagen. Schadenersatzansprüche wegen verspäteter Abfahrt, Mehrkosten für Überstunden des Fahrers, Verleumdung und üble Nachrede. Beleidigung. Geschäftsschädigendes Verhalten. Das wird teuer für Sie vor Gericht! Sind Sie sicher, dass Ihre finanziellen Mittel durch alle Instanzen ausreichen?“

 

Käthe wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Der Mann war mit allen Wassern gewaschen.

 

Jetzt half nur noch eins. Sie wandte sich ihren drei Freundinnen zu: bange machen gilt nicht! Wir bleiben jetzt hier und machen uns ein paar schöne Stunden auf dem Farm-Gelände. Ich kenne da einige verschlungene sichere Wege durch das Hochmoor und das Sumpfgelände, wo wir viel vom üppigen und farbenfrohen Pflanzenwuchs und der Vogelwelt zu sehen bekommen.

 

 

Als die vier Damen nach zwanzig Minuten nicht wieder zurückgekehrt waren, brach Onkel Paul in lautes Fluchen aus: „diese dummen und sturen Alten. Wenn die glauben, dass die mich klein kriegen, dann haben die sich geirrt! Wenn die zurückkehren, können die was erleben, dass Ihnen Hören und Sehen vergeht!“

 

 

 

Als die Vier auch nach vierzig Minuten nicht zurück gekehrt waren, machte sich Onkel Paul höchstpersönlich auf die Suche nach dem Quartett. Irgendwo auf dem Gelände müssten die doch zu finden sein!

 

 

Zeitungsmeldung im Güstrower Boten:

 

Mysteriöser Unfall auf der FLORA-FARM. Ein Polizeihund führte zwei Polizisten auf die Spur des vermissten Reiseleiters Paul E. vom Reiseunternehmen „Fahrt ins Blaue“. Mitten auf einem Trampelpfad durch das unübersichtliche Sumpfgelände fand man eine Mütze, die die Assistentin des Unternehmens zweifelsfrei dem Gesuchten zuordnen konnte.

 

Die im Sumpf angestellte Suche förderte den toten Verunglückten zu Tage. Wie er dort hinein geraten war, konnte nicht geklärt werden. Wahrscheinlich ein tragischer Unglücksfall.

 

Auch vier ältere Damen, alle Teilnehmer der Ausflugsfahrt, konnten keine näheren Angaben zu dem Unglücksfall machen. Sie waren heil von ihrem Spaziergang zurückgekehrt, da sie sich im Gelände auskannten.

 

 

Nachtrag

 

Den Stoß, den der Reiseleiter bei der Begegnung auf dem schmalen Sumpfweg erhielt, behielten die vier Freundinnen wohlweislich für sich.

 

 

 

 

 

 ENDE

 

 

 

 

 

 


 

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Manfred Kolb | mfkolb@gmx.de