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Prosa, Glossenhaftes und Satirisches

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 Unglaubliches in Worte gefasst

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Die Parzelle und der Mobilfunk 5G    E3        Manfred Kolb 26.04.2019

 

Seit einem Jahr sind meine Frau und ich Pächter einer Parzelle im Kleingartenverein „Im Wall“, deren Grund und Boden seit mehreren Jahren nicht bearbeitet und gepflegt wurde.

Wir haben viel Arbeit und Aufwand in die Wiederurbarmachung des Pachtgrundstücks gesteckt, Anpflanzungen in größerem Umfang vorgenommen. Eine Wildblumenwiese, Sommerflieder und Lavendel sollen Insekten, Bienen und Faltern ein Zuhause geben. Und ein Gemüsebeet für Abwechslung in der Ernährung sorgen.

 

Kürzlich überraschte uns ein Anruf des Kreisverbandes der Gartenfreunde der Hansestadt Wismar, dem über 60 Kleingartenvereine und -anlagen in und um Wismar unterstellt sind. Man äußerte uns gegenüber den Wusch, unseren Garten zu besichtigen.

Mehr verriet man uns nicht. Wir vermuteten eine Anerkennung unserer bisher geleisteten Arbeit.

Am vereinbarten Termin betrat unseren gepachteten Garten eine Gruppe von Männern, ausgerüstet mit Kameras, Tablets, Zollstöcken, einem Theodoliten, Schreibpanels und einer auf den Schultern getragenen Profi-Videokamera.

Nach gegenseitiger namentlicher Vorstellung wurden wir vom Sprecher der Gruppe gefragt, wann wir das Pachtgrundstück zu räumen gedenken. Die Kündigung würde ja zum Ende des Monats, also in fünf Tagen, rechtswirksam. Man sei heute hier, um den Standort für den 12 Meter hohen Funkmast des neuen Mobilfunknetz G5 festzulegen.

Ich glaubte mich verhört zu haben: „ich soll das Grundstück räumen, weil uns der Pachtvertrag gekündigt wurde? Das ist wohl ein Witz! Da liegt wohl eine Verwechslung vor! Von einer Kündigung hören wir durch Sie zum ersten Mal“.

Ich brach in lautes Gelächter aus.

Der Sprecher fuhr unbeirrt mit seiner Ansprache fort: „Die Kündigung mit Begründung ist Ihnen und Ihrer Frau per Post zugesandt worden. Sie sind doch Manfred und Rosen Kolb, oder?“

Ich nickte und erklärte mit gefasster Stimme: „von einer Kündigung unseres Kleingartens weiß ich wirklich nichts. Niemand hat uns in irgendeiner Form über die Aufkündigung unseres Pachtvertrages noch  über den Grund weder schriftlich noch mündlich informiert.“

Ein anderer Mann aus der Gruppe trat vor und zeigte meiner Frau und mir den an uns adressierten Schriftsatz mit der Kündigung, der uns angeblich zugestellt worden sei.

Ich versicherte nochmals, dass wir nichts erhalten hätten und machte deutlich, dass wir mit allen uns zu Gebote stehenden rechtlichen Mitteln gegen die aus unserer Sicht ungerechtfertigte Kündigung vorgehen würden.

Dann überflog ich das mir hin gehaltene Kündigungsschreiben mit dem Kopfbogen vom Kreisverband mit Erläuterungen des Grundes und des gleichzeitigen Bedauerns der notwendigen Kündigung, was mit einer Rechtsbehelfsbelehrung endete. Die Frist für einen Widerspruch war, wie ich feststellte, demnach vor einer Woche abgelaufen.

Dann wandte ich mich dem Sprecher zu: „Als erstes“, führte ich aus, „stellen wir einen Antrag auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand! Gleich morgen geht es dann los mit dem Gang durch die Institutionen. Wir lassen uns das nicht bieten!“

 

Ein anderer Mann der Gruppe näherte sich und erklärte uns den Grund der Kündigung: Mit dem flächendeckenden Ausbau des neuen Mobilfunknetzes 5G sind im ganzen Stadtgebiet von Wismar neue Funkmasten aufzustellen. Da die Sendereichweite nur gering ist, hätte man vor allem die zahlreichen Kleingartengelände als Standorte für die vielen Funkmasten ausgewählt, da dort die Stadt Eigentümer sei und das durchsetzen könne. Da erwarte er als Vertreter der Digitalfirma WEMAG Einsicht und Verständnis.

Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu, wir haben in der Kleingartenanlage „Im Wall“ ursprünglich 5 geeignete Standorte ausgewählt. Von 4 Pächtern ist Widerspruch gegen die Kündigung ihrer Gärten eingelegt worden. Von Ihnen und Ihrer Frau nicht. Daher haben wir Ihr Einverständnis vorausgesetzt.

 

Ohne eine weitere Entgegnung oder Einlassung von mir abzuwarten begann man mit dem Vermessungen der Parzelle und der Suche nach dem geeignetsten Standort für den Funkmast.

Die Videokamera, offensichtlich von Wismar TV, hatte das Geschehen von Anfang an gefilmt, wobei ein Moderator das weitere Geschehen und die Maßnahmen laufend kommentierte und dabei den Zuschauern das Goldene vom 5 G-Mobilfunkhimmel versprach.

Was sollten meine Frau und ich augenblicklich tun, um diesem aus unserer Sicht Irrsinn Einhalt zu gebieten?

Ein dritter Mann trat hervor und fragte mich, ob ich demnächst Geburtstag hätte. Verwundert über diese Frage konnte ich nur nicken.

Dann fuhr er fort: „wir haben eine freudige Überraschung für Sie!

„Verstehen Sie Spaß?“

Fassungslos starrte ich den Sprecher an. Dann entfuhr es mir: „natürlich verstehe ich Spaß. Aber als Spaß fasse ich die Kündigung unseres Pachtvertrages nicht auf! Sie müssen einen eigenartigen Humor besitzen, wenn sie das als Spaß bezeichnen!“

Der Angesprochene lächelte:

„Ich meine es wirklich ernst, als ich Sie fragte, ob Sie Spaß verstehen.

Einer Ihrer Freunde in Wismar hat die ganze Aktion mit Ihrem Pachtgrundstück in die Wege geleitet, weil er den immer so selbstsicher auftretenden Manfred Kolb einmal völlig verunsichert erleben wollte!“

Und dann fuhr er mit spitzbübischem Lächeln fort:

„Kennen Sie die Fernsehsendung „Verstehen Sie Spaß?“

Fassungslos starrte ich den Sprecher an. Erst dachte ich, dass ich mich verhört hätte, doch dann begriff ich schlagartig die Zusammenhänge.

Als ich in die Gesichter der Umstehenden sah, die sich offensichtlich köstlich über den gelungenen Scherz amüsierten, ergriff mich eine große Erleichterung.

Ehe ich etwas sagen konnte, löste sich der Mann von der Gruppe, der sich bisher unbeteiligt im Hintergrund aufgehalten hatte, und kam langsam auf mich zu, dabei erst seine Perücke, dann den Schnauzbart und zuletzt die dicke Sonnenbrille abnehmend.

Und dann stand er vor mir: mein Freund Peter Ziemer von der Telekom, mit besten Verbindungen zum Fernsehen. Daher wehte also der Wind!

Alles fein säuberlich ausgedacht, geplant und umgesetzt. Und ich war auf die überzeugende Inszenierung reingefallen! Was für ein gelungener Aufwand, um mich mal richtig aufs Kreuz zulegen!

Ich hatte den Schlehmihl Peter Ziemer doch tatsächlich in seiner Verkleidung nicht erkannt.

Als wir uns in die Arme fielen und uns dabei auf den Rücken klopften, wie das unter Männern so üblich ist, dachte ich im Stillen: warte mein Freundchen, bald hast Du Geburtstag, da werde ich mir etwas einfallen lassen…

 

ENDE

 

 

 

  

 

 

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Manfred Kolb | mfkolb@gmx.de